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Warum Selbstwahrnehmung ein Schlüssel zu ganzheitlicher Gesundheit ist

Autorenbild: Sinah Siegfried
Sinah Siegfried
9. Sept.
3 Min. Lesezeit

In meiner Praxis als Polaritytherapeutin erlebe ich immer wieder, dass Selbstwahrnehmung ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu körperlicher und psychischer Gesundheit ist.


Was ist Selbstwahrnehmung?

Selbstwahrnehmung bedeutet, die Aufmerksamkeit sich selbst zuzuwenden: den eigenen Körperempfindungen, Gefühlen und Gedanken. Das klingt zunächst sehr einfach. Denkt man jedoch genauer darüber nach, wird es komplex, und es bestehen grosse Unterschiede darin, wie wir unsere eigenen Gefühle, Gedanken und Körperwahrnehmungen wahrnehmen.

Selbstwahrnehmung wirkt dabei wie ein innerer Beobachter. Sie ermöglicht es uns, Signale zu erkennen und Grenzen zu spüren. Mit einer klaren Selbstwahrnehmung wachsen Handlungskompetenz und Gestaltungsspielraum im Leben.

Ich sehe das menschliche System gerne wie einen Kompass. Bei einer funktionierenden Wahrnehmung und einem angemessenen Umgang mit den eigenen Körperempfindungen, Gefühlen und Gedanken sagt mir mein System, wo es durchgeht und was mir guttut. Ist dieser Kompass beispielsweise aufgrund der eigenen Geschichte, Prägungen oder eines hohen Stresslevels gestört, wird es schwieriger, den Weg zu finden und die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Meiner Ansicht nach bildet Selbstwahrnehmung das Fundament auf dem Weg zur Selbsterkenntnis. Ein anderer Mensch wird dabei nie wirklich wissen, wie es sich anfühlt, die andere Person zu sein: Das Erleben, wie sich etwas anfühlt, existiert immer nur aus der Erste-Person-Perspektive.

Frau im Garten, verbunden mit sich selbst

Selbstwahrnehmung und das eigene Denken

Sich bewusst im eigenen Körper wahrzunehmen, kann etwas Verbindendes beinhalten, ein Präsent-Machen von sich in diesem Augenblick. Über sich selbst nachzudenken hingegen kann, wenn es unkontrolliert geschieht, etwas Trennendes und Bewertendes beinhalten.

Wir haben gesellschaftlich gelernt, uns mit unseren Gedanken zu identifizieren und uns selbst zum Objekt der eigenen Selbstoptimierung zu machen. Dabei geht der wahre Kontakt zu uns selbst leider eher verloren.

Der bekannte Neurologe und Kinderpsychiater Dr. Daniel Amen sagt, die glücklichsten und resilientesten Kinder seien diejenigen, die nicht alles glauben, was sie denken. Unser Verstand ist evolutionsbiologisch darauf ausgerichtet, immer das Negative und Gefährliche hervorzuheben, um uns bestmöglich vor Gefahren zu schützen.


Die Identifikation mit den eigenen negativen Gedanken bringt viel Leid und kann uns in eine Opferrolle bringen. Wir werden zum Opfer der Umstände und der eigenen Gedanken. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, zu erlernen, sich selbst als neutralen Beobachter der eigenen Gedanken zu positionieren. Den Fokus auf die Körperempfindungen zu legen, ist eine davon.


Selbstwahrnehmung und Achtsamkeit

Die Achtsamkeitsbewegung sieht Selbstwahrnehmung als ein wichtiges Element für Selbstregulation und Stressreduktion. Im Rahmen von Achtsamkeitsansätzen wie MBSR (Mindfulness-Based Stress Reduction) und MBCT (Mindfulness-Based Cognitive Therapy) gilt Selbstwahrnehmung als zentrales Element, um automatische Bewusstseinsprozesse zu unterbrechen und durch Verlangsamung, Innehalten und eine neutrale Begegnung mit dem Erlebten in selbstregulative Prozesse zu gelangen.

Mit Achtsamkeitsübungen lernen wir, dem Wahrgenommenen wertfrei zu begegnen. Ich finde diese wertfreie Begegnung mit den eigenen Körperempfindungen, Gefühlen und Gedanken eine wertvolle Ergänzung in meiner Praxis.

Heute lässt sich auch neurologisch erklären, weshalb bewusste Selbstwahrnehmung zur Selbstregulation beitragen kann: Bei der bewussten Wahrnehmung werden unter anderem präfrontale Hirnregionen aktiviert, die an der Regulation emotionaler Reaktionen beteiligt sind.


Was die Praxis zeigt

Gerne möchte ich eine eindrückliche Erfahrung aus meiner Praxis teilen, bei der die Selbstwahrnehmung eine grosse Rolle spielte.

Ich begleitete eine junge Klientin, bei der Selbstverletzung ein Thema war. Bereits nach wenigen Stunden Polarity-Therapie hatte sich ihr Verhältnis zur Selbstverletzung automatisch verändert, ohne dass die Selbstverletzung gross zum Thema in der Therapie geworden wäre.

Als sie sich das letzte Mal schneiden wollte, verfiel sie nicht in den üblichen, gewohnten Rausch. Stattdessen fühlte es sich für sie schmerzhaft und unangenehm an. Sie hatte die Selbstverletzung durch diesen letzten Vorfall als etwas Unangenehmes abgespeichert, und seither kam es nicht mehr dazu.

Sie war mit sich selbst in Kontakt gekommen und dieser Kontakt veränderte etwas. Natürlich bedeutet das nicht, dass es bei allen Klientinnen und Klienten so funktioniert. Für mich war diese Erfahrung jedoch sehr eindrücklich.


Wenn Fühlen wehtut

Gleichzeitig möchte ich nicht verschweigen: Eine erweiterte Selbstwahrnehmung kann zu Beginn auch eine schmerzhafte Erfahrung sein.

Das Abdämpfen eigener Empfindungen und Gefühle hat vielen Menschen jahrelang als Schutz gedient, um Schmerzhaftes nicht vollständig wahrnehmen zu müssen. Das passiert häufig nach traumatischen Erfahrungen und ist zunächst ein sinnvoller Schutzmechanismus unseres Systems. Doch durch diesen Mechanismus können auch Lebensenergie und Lebensfreude blockiert werden.

Für die Therapie bedeutet das: Der Weg in die Selbstwahrnehmung sollte in kleinen Schritten geschehen, damit keine überwältigenden Situationen ausgelöst werden.


Ein Plädoyer für Selbstwahrnehmung

Je mehr ich mich mit diesem Thema auseinandersetze, desto faszinierender wird es für mich. Präsenz und Achtsamkeit für mich selbst in diesem Moment – das macht Selbstwahrnehmung für mich aus. Und ich finde diese Momente des Sich-selbst-Fühlens sehr wertvoll.

Ist nicht das Sich-selbst-Wahrnehmen und -Fühlen eine Essenz unserer Existenz?

Was bleibt, wenn ich mich nicht fühle?

Oft fühlen sich Klientinnen und Klienten während depressiver Phasen leer. Dann braucht es Mut, wieder zu fühlen: Schmerz zu fühlen, Freude zu fühlen, Liebe zu fühlen, den eigenen Körper zu fühlen.

Gleichzeitig macht uns dieses Fühlen lebendig.

Was wäre menschliches Leben ohne Selbst-Bewusstsein?



 
 
 

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